Das braucht eine gute Geschichte

Dramaturgie der Geschichten #Storytelling

Wenn Sie sich fragen, wie einen erfolgreiche Geschichte aufgebaut ist und was sie benötigt, um zu funktionieren, finden Sie Antworten bei Aristoteles. Im Grunde bestehen alle Geschichten aus einer Handvoll wiederkehrender Elemente, die uns in Mythen, Märchen, Träumen und Filmen immer wieder begegnen. Sie spiegeln den Kreislauf der menschlichen Existenz wider und bilden ein Schema für gut funktionierende Geschichten.

Menschen lieben Muster

Die Funktionsweise des menschlichen Gehirns liefert die Grundlage für das Storytelling, denn es arbeitet mit Vorlagen. Unsere neuronalen Muster verfolgen übergeordnete Ziele: den Wunsch der Menschen nach Überleben und Fortpflanzung. Stellen Sie sich hierbei die Vorlagen als einen Mix aus genetisch vorgegebenen und biografisch erlernten Elementen vor. An diesen Überlebensmustern messen sich neue Muster so lange, bis das optimale gefunden wird.

Dramaturgischer Aufbau

Erzählungen und Geschichten haben einen dramaturgischen Aufbau. Jede Story durchläuft einen Prozess, startet mit einem Anfang und endet nach dem Mittelteil mit dem Schluss. Doch zunächst benötigt eine Geschichte auch einen Rahmen: Denn das Publikum muss wissen, wo die Erzählung stattfindet, wann sie erzählt wird und wer darin vorkommt.

Das braucht eine gute Geschichte

Ja, tatsächlich geht jede erzählerische Handlung – in der Spannung erzeugt wird und in verschiedenen Teilen mit verschiedenen Wendepunkten aufbereitet wird – auf Aristoteles Reflexionen von Poetik zurück: Er definiert Tragödie, Epos und Komödie sowie die poeti- schen und dramatischen Kriterien dieser drei Gattungen.

Aristoteles definiert Handlung als poetische Nachahmung der Wirklichkeit mit folgenden Zielen (siehe auch Aristoteles Poetik):

  • ƒLäuterung und Reinigung;
  • Vergnügen;
  • Glückseligkeit und Entspannung; ƒ
  • Bildung und Erziehung.

Drei-Akte-Struktur nach Aristoteles

Auch den Aufbau einer Story in (überwiegend) drei Akten verdanken wir Aristoteles:

  1. Der erste Akt ist dem Aufbau des Konflikts gewidmet,
  2. im zweiten Akt gibt es einen Wende- und Höhepunkt (Katharsis)
  3. und im dritten Akt wird der Konflikt gelöst.

Erweiterung des Ansatzes von Aristoteles

Vergessen wir nicht, dass häufig auch der Gegenstand eine wichtige Rolle spielt: Ein Ge- genstand oder ein Objekt erzählt einen Teil der Geschichte, etwa der vergiftete Apfel von Schneewittchen oder der Schuh bei Aschenbrödel. Oft ist es ein sprechendes Detail (der Spiegel bei Schneewittchen), das hilft, die Essenz zu vermitteln.

Eine Erweiterung dieser Theorie ist folgendes fünfteilige Storyschema: Exposition, Steigerung, Höhepunkt, fallende Handlung, Katastrophe.

Anfang, Mittelteil und Ende Der Aufbau, die Grundelemente einer Story, wurde bereits von Aristoteles festgehalten. Er führte als Hauptmerkmal einer Handlung die Einteilung einer Geschichte in Anfang, Mitte und Ende ein:

Drei-Akte-Struktur

Jede Geschichte benötigt einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss.

Außerdem benötigt laut Aristoteles jede Geschichte drei Konstanten: den Helden, einen Ort und eine Handlung.

Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Not- wendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas anderes folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt. Eine Mitte ist, was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht. Demzufolge dürfen Handlungen, wenn sie gut zusammengefügt sein sollen, nicht an beliebiger Stelle einsetzen noch an beliebiger Stelle enden, sondern sie müssen sich an die genannten Grundsätze halten.Aristoteles, Poetik, ca. 300 v. Chr.

Der Held

Held (Protagonist): Der Held bzw. Antiheld ist die Hauptfigur einer Erzählung. Er muss im Laufe der Erzählung Hürden überwinden und Probleme bewältigen. Dabei durchlebt die Heldenfigur eine Veränderung, sie ist am Ende anders als vor der „überwundenen“ Konfliktsituation. Sie muss sich im Laufe der Geschichte verändern (eine Wandlung durch- leben), sei es in der Persönlichkeit, im Verhalten oder durch einen neuen Status, den sie erlangt. Erinnern wir uns an Gandalf, den grauen Zauberer aus Tolkiens Epos „Der Herr der Ringe“. Gandalf kommt nach einer Auseinandersetzung mit Saruman gestärkt als Gandalf der Weiße zurück.

Handlungsort

ƒOrt: Häufig sind Erinnerungen und ein Geschehen an einen Ort gebunden. Besuchen wir beispielsweise unser Schulgebäude der ersten Klassen, tauchen längst verschüttete Erinnerungen wieder auf. Orte und Schauplätze vermitteln dem Publikum aber auch eine Vielzahl an Informationen über das soziale Umfeld, die kulturelle Umgebung, Stimmungen und vieles mehr.

Lassen Sie sich auf ein kurzes Experiment ein und notieren Sie die ersten fünf Begriffe und Bilder, die Sie mit dem Titel „Lovestory im Gefängnis“ assoziieren. Nun gehen Sie einmal in einen anderen Raum, beispielsweise in die Küche, und starten das gleiche Experiment mit dem Titel „Lovestory im Iglu“. Ich bin gespannt, welche unterschiedlichen Geschichten sich nur durch die unterschiedlichen Ortsangaben entwickelt haben.

Die Handlung

Handlung/Szene: Es geht um Handlung und Veränderung. Oft bieten Stoffe keine epischen Handlungen an. Gibt es wenigstens ein paar Szenen? Lassen Sie den Stoff in Ihrem Kopf in Form von Szenen ablaufen. Gibt es Kernszenen?

Fünf-Akter nach Gustav Freytag

Auch Gustav Freytag, Dramatiker und Autor, beobachtete Aristoteles Handlungsmuster und erweiterte es in eine Fünf-Akte-Struktur, die Informationen darüber, was, wann und wie etwas in der Story geschieht, mit einbezieht.

  • ƒExposition: Hier werden alle Charaktere wie Hauptfiguren, Spieler und Gegenspieler, Örtlichkeiten sowie der Auslöser für den Konflikt dargestellt.
  • ƒHandlungssteigerung: Es gibt mehr als einen Konflikt: Weitere Komplikationen verhindern die zu schnelle Auflösung des Problems.
  • ƒKlimax: Der Höhepunkt einer Story ist der spannendste Teil. Wie bei Aristoteles Drei-Akter wird hier der Konflikt auf die Spitze getrieben.
  • Handlungsabfall: Die Spannung wird allmählich abgebaut und Nachwirkungen des Höhepunktes werden offenbart.
  • Auflösung: Nach dem Abfall der Handlung wird der Konflikt endlich aufgelöst. Der Prinz heiratet seine Angebetete „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Der Prinz zog mit seiner Frau …“.
Aufbau einer Story: Das Fünf-Akter-Modell nach Gustav Freytag

Aufbau einer Geschichte: Das Fünf-Akter-Modell nach Gustav Freytag

Nach diesem Muster aufgebaut, ist die Erstellung einer Geschichte nicht so schwer – was meinen Sie?