Storyteller müssen sich entblößen

Manchmal sollte man sich entblößen – also frei und offen ohne Haus oder Panzer, in dem man sich zurückziehen kann, zeigen. Gerade als Storyteller gilt es, als Person nahbar zu sein.

Präsentationsguru Garr Reynolds  erschuf den Begriff „Naked Presenter„. Er stellt folgendes Rezept auf, in dem er erläutert, warum Storytelling relevant ist. Er erinnert uns damit an die Kraft von gut erzählten Geschichten.

Why storytelling matters | Garr Reynolds | TEDxKyoto

Why storytelling matters | Garr Reynolds | TEDxKyoto – das dazugehörende Video finden Sie am Ende des Beitrags.

Der gute Storyteller – was macht ihn aus?

Reynolds rät dazu, als Vortragender seine Zuhörer zu faszinieren, indem man Unnötiges weglässt und sich auf das Wesentliche, die Kernbotschaft konzentriert. Er definiert folgende Grundtugenden, die für gute Präsentationen eine maßgebende Rolle spielen: Einfachheit, Klarheit, Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit und Leidenschaft. Das macht die Nähe, die „Geradlinigkeit“ des Geschichtenerzählers aus. Mit Geradlinigkeit der vortragenden bzw. erzählenden Person meint Reynolds, „sich ungekünstelt zu zeigen“, keine „Rolle“ zu spielen und die Bereitschaft, sich frei auf einen Dialog einzulassen.

Storyteller sind Ideengeber und schaffen ein Umfeld, das es dem Publikum (der Zielgruppe) ermöglicht, die Story weiterzuerzählen, sie weiterzutragen. So überleben Geschichten. Übersetzt bedeutet es, dass gerade im Digital Storytelling mehr ein Architekt, der das Umfeld für eine Story (eine Storyworld) erschafft, die Strukturen vorgibt und Spielregeln aufstellt. Das Gerüst, der Plan der Storywelt muss aber offen bleiben, darf nicht als einengendes Korsett empfunden werden, da dies nur ein „leeres“, nicht reflektiertes Nacherzählen hervorruft. So fordert Reynolds auch: „Seien Sie nicht langweilig!“ und erläutert weiter: „Nutzen Sie keine gestellte Sprache oder komplizierte Metaphern, Heldenfiguren.“

Die Fähigkeit, klar, bildhaft und leidenschaftlich zu erzählen, das gesamte Gehirn zu beschäftigen, ist Ziel eines jeden Storytellers. Auch wenn der Präsentationsguru folgende Tipps für Präsentatoren (Vortragende) aufgestellt hat, sind sie gleichermaßen für Geschichtenentwickler und -erzähler anwendbar.

Die Macht des Erzählers

Über die Jahre hinweg hat Reynolds gerade im Austausch mit Storytellern zehn Wege definiert, um bessere Präsentationen zu erstellen. Und Präsentationen und Vorträge haben natürlich viele Gemeinsamkeiten mit dem Geschichtenerzählen.

1. Seien Sie persönlich

Erzählen Sie von Ihrem Umfeld, Ihren Kollegen, Erlebnissen einer Bahnreise. Nur wer persönliche Erlebnisse einbaut, wirkt authentisch, offen und emotional. Es entsteht so keine konstruierte, verkopfte Geschichte.

2. Erzählen Sie einfach

Verwenden Sie einen einfachen Aufbau der Geschichte und nutzen Sie einfache Wörter. Fügen Sie niemals etwas hinzu, wenn Sie auch mit weniger auskommen, und versuchen Sie mit minimalsten Mitteln die größte Wirkung zu erzielen.

3. Gefühle inspirieren zu Handlungen

Es geht nie nur um reine Information. Das Publikum möchte etwas erleben und empfinden. Das Ziel ist es, Botschaften emotional einzubinden und zu verpacken, sie so zum Anliegen der Zuhörer zu machen und diese zu Handlungen zu motivieren. Menschen erinnern sich häufiger an Aussagen, die ihre Emotionen erweckt haben.

4. Überraschen Sie und bringen Sie etwas vollkommen Unerwartetes

Obwohl das Publikum sich in einer Erzählung wiederfinden möchte, sind die Aufmerksamkeit und Spannung sowie auch der Unterhaltungswert bei einem Überraschungsmoment sehr hoch. Tun Sie etwas Unerwartetes, das Gegenteil von dem, was nur „normal“ wäre. Überlegen Sie, ob Sie Ihre Geschichte eventuell mit einer schockierenden Aussage oder gar einem Geständnis beginnen könnten. Überraschungen erhöhen die Aufmerksamkeit und motivieren zur Konzentration.

5. Zeigen Sie etwas Originelles Seien Sie originell, einzigartig und unverwechselbar.

Öffnen Sie sich und zeigen Sie Ihre Persönlichkeit, überraschen Sie mit Witz, Humor, einem originellen Bild oder einer einzigartigen Figur.

6. Seien Sie herausfordernd

Wenn Sie das Gehirn des Publikums aktivieren, erhöhen Sie dessen Aufmerksamkeit und Konzentration. Präsentieren Sie Thesen, Ideen, Sätze, Zitate, die das Publikum zum Nachdenken herausfordern (Vorsicht: Sie sollten Ihr Publikum dabei aber nicht überfordern). Häufig wird für provokative Fragen eine Figur des Weisen oder Narren eingesetzt.

7. Seien Sie positiv, optimistisch, humorvoll

Wenn Ihre Erzählung das Publikum zu einem gemeinsamen Lachen, einer positiven Emotion verführt, haben Sie vieles richtig gemacht. Lachen setzt Endorphine frei, entspannt den Körper und kann sogar ein wenig die Perspektive des Publikums ändern. Ein altes Sprichwort besagt: „Wenn sie lachen, dann hören sie zu.“

Schauen Sie sich nun das Video „Why Storytelling matters“ mit Garr Reynold an:

Also Denken Sie bei dem nächsten Vortrag oder einer Vorstellung daran, sich zu öffnen und Ihr Schneckenhaus zu verlassen.

Buch von Reynolds, Garr: Naked Presenter. Wirkungsvoll präsentieren – mit und ohne Folien, Pearson Education, Deutschland 2011