Mit Storytelling wie Michelle Obama die Bühne rocken

Michelle Obama ist eine begnadete Storytellerin. Sie begeistert, bewegt, motiviert und rockt jede Bühne. Ich vermisse ihre bewegenden und mitreißenden Reden. Sie bewegt als Rednerin und Vortragende, da sie ihre Reden wie gute Storys aufbaut. Nicht umsonst zeichnete das Handelsblatt Michelle Obama zum Redner des Jahres 2016 aus. Von ihr können wir so einiges abschauen und lernen.

Tausende jubeln Michelle Obama bei ihren Auftritten zur Wahlunterstützung von Hillary Clinton zu. Auch zahlreiche Journalisten und weltweit Menschen via YouTube hat Michelle Obama überzeugt. Wie schafft sie es, Menschen weltweit zu begeistern und mitzureißen? Wie schafft sie es, so zu beeinflussen, ohne ein offizielles Amt zu bekleiden?

Gutes Storytelling ist erlernbar

Gutes Storytelling ist erlernbar. Es ist eine Methode, die bestimmten Regeln folgt. Natürlich gibt es beim Storytelling echte Meister, deren Reden uns mitreißen. Meister, wie Michelle Obama, an denen wir uns orientieren können.

Mit diesen Storytelling-Punkten überzeugt Michelle Obama

Ich habe ihre Reden angeschaut und analysiert, warum Michelle Obama als Storytellerin überzeugt:

Persönlichkeit:

  • Um als Speaker erfolgreich zu sein, um Menschenmassen zu begeistern und mitzureißen, muss man mehr als gute rhetorischen Fähigkeiten besitzen. In erster Linie wird eine Person als Speaker gebucht. Gute Vortragende verfügen zunächst einmal über eine Persönlichkeit, die eine überzeugende Haltung und Authentizität ausstrahlt. Sie sind Botschafter, Impulsgeber und individuell. Alles Eigenschaften, die auch Michelle Obama besitzt.

Authentizität:

  • Michelle Obama macht sich für Themen wie Gleichberechtigung, Bildung, die Rolle der Frau und gegen Fettleibigkeit stark, Themen die ihr am Herzen liegen, für die sie sich engagiert. Sie weiß, wovon sie redet, wenn sie beispielsweise über die Vorteile guter Bildung anspricht. Die Harvard-Absolventin ist auch nicht mit dem  goldenen Löffel im Mund aufgewachsen. Sie wuchs in einfachen Verhältnissen in einem überwiegend von Schwarzen bewohnten Arbeiterviertel Chicagos auf. Diese Wurzeln, ihre Bodenständigkeit, ihr „self-made“-Aufstieg zur Antwältin, machen sie glaubwürdig.

Storyteller holen ihre Kompetenz aus ihrer Biografie: 

  • Hierbei geht es weniger um Qualifikation als vielmehr um Erfahrung und konkretes Können. So spricht Michelle Obama in ihrer Rede zur Democratic National Convention 2016 (siehe das Video unten) auch ihre Wurzeln an, um ihre Botschaft zu betonen, dass in der USA gleichberechtigt sein sollte:

Ich wache jeden Morgen in einem Haus auf, das Sklaven gebaut haben. Ich sehe meine Töchter – zwei hübsche, intelligente, schwarze junge Frauen – auf dem Rasen des Weißen Hauses mit ihren Hunden spielen“.  Sie personalisiert ihre Botschaften.Michelle Obamas Rede auf der Democratic National Convention 2016

 

Auftreten:

  • Mit ihren 53 Jahren wirkt Michelle Obama in ihrer Gestik und Mimik jung, frisch, lebendig und cool. Dennoch ist sie nicht distanziert. Sie verbindet die Rolle der First Lady mit Herzlichkeit und Wärme. Sie kleidet sich modisch, gibt sich weiblich und selbstbewusst. Michelle Obama tritt zunächst mit einem Lächeln auf. Dann holt sie ihr Publikum, ihre Zuhörer ab, indem sie beispielsweise erwähnt, wann sie zum ersten Mal auf dieser Bühne stand. Sie erzählt von ihrem Mann nicht als Mr. President, sondern nennt ihn beim Vornamen, Barack, als wenn sie auf einer Party unter Freunden ist und von sich und Barack spricht. Wie unter Freunden. Sie menschelt und begibt sich auf einer Gefühlsebene mit dem Publikum. Trotz ihrer Intelligenz wirkt sie nicht abgehoben. Trotz ihrer Rolle als First Lady bleibt sie mit beiden Füßen auf den Boden der Tatsachen. Jeder Sprecher kann nur überzeugend sein, wenn Rolle und Situation zur Rede passen. Das alles trifft auf Michelle Obama zu.

My goodness! You guys are fired up! Well, let me just say hello everyone. I am so thrilled to be here with you all today in New Hampshire. This is like home to me, and this day – thank you for a beautiful fall day. You just ordered this day up for me, didn’t you? It’s great to be here.Michelle Obamas Begrüßung bei ihrer Rede in New Hampshire 2016

Botschaft: 

  • Storyteller haben eine Überzeugung, die sie als Message dem Publikum schenken. Das Publikum erfährt innerhalb kürzester Zeit etwas Entscheidendes, was berührt, überzeugt und motiviert. Etwas, was dazu motiviert, eine Veränderung vorzunehmen, anders zu denken oder zu handeln. Die Botschaft kann aber auch vorhandene Einstellungen bestärken und weiterentwickeln.

Michele Obamas Kernbotschaft ist, dass Diskriminierung und wirtschaftliche Benachteiligung noch höchst real sind. Sie setzt ihre eigene Geschichte als Ururenkelin von Sklaven ein, um aufzuklären und zu inspirieren.

Begeistern:

  • Michelle Obama gehört zu den begnadeten Rednerinnen, die ihre Botschaft in einer knackigen Aussage packen können, die jeder sich merken und wiederholen kann. Der Wahlkampfspruch „When they go low, we go high!“ wurde zum Schlachtruf des Wahlkampfes.

Einfach und verständlich:

  • Michelle Obama befolgt das KISS-Prinzip, also Keep it simple stupid. Ihre Rede ist sprachlich gut verständlich. Daher ist ihre Rede auch einfach zu halten – keine Zungenbrecher oder sprachliche Stolperfallen. Michelle Obamas Rede hat ein Lesbarkeitsindex von 83,6. Das bedeutet, dass sie kurze Sätze sowie eine übliche und leicht verständliche „gehobene“ Umgangssprache nutzt. Sie verwendet ein Vokabular, mit dem sich das Publikum – der „Otto-Normalbürger“ – identifizieren kann. An Stellen, an denen es ihr wichtig ist, wird der Satzbau einfach.

Tempo und Pausen:

  • Obwohl Michelle Obamas Reden nie sehr lang sind – die Rede zur Democratic National Convention 2016 hatte eine Länge von 14 Minuten) – lässt sie sich nie hetzen. Nein, sei setzt sogar sehr bewusst viele Pausen ein – immer dann, wenn das Publikum kurz nachdenken soll, in sich hineinhorchen und Michelle Obama zustimmen soll. Sie ist eine Meisterin der nicht ausgesprochenen Botschaften.

Wiederholungen (Anaphora):

  • Bemerkenswert in Michelle Obamas Reden ist die bewusste Wiederholung wichtiger Schlüsselwörter. Durch Wiederholen des gleichen Wortes in aufeinanderfolgenden Sätzen ihre Aussage festig sie ihre Botschaften.  Wiederholungen erhalten fast einen direkten Weg ins das Gehört des Publikums – und ins Gedächtnis. Dieses Wort wird unbewusst als bekannt nicht näher analysiert, sondern uns Unterbewusstsein gespeichert. Michelle Obama benutzte diesen Rhetoriktrick mehrfach – beispielsweise in diesem Abschnitt aus der Rede in New Hampshire, in der sie die frauenfeindlichen Äußerungen Donald Trumps thematisiert:

Genug ist genug! Die Männer, die Sie und ich kennen, gehen mit Frauen nicht so um. Die Männer, die Sie und ich kennen, sind Väter, die ihre Töchter lieben, Männer, die allein beim Gedanken daran, dass jemand auf diese abscheuliche Art und Weise mit ihren Töchtern redet, angewidert sind. Es sind Ehemänner, Brüder und Söhne, die nicht akzeptieren, dass Frauen respektlos behandelt, erniedrigt werden. Und ebenso wie wir, haben diese Männer Angst davor, was diese Präsidentschaftswahl mit unseren Jungs macht.Auszug aus Michelle Obamas Rede in New Hampshire 2016

Emotionen:

  • Michelle Obama spricht mit Leidenschaft. Sie zeigt ihre Gefühle. Ihre Stimme ist emotional aufgewühlt, belegt. Michelle legt Pausen ein, um sich zu fassen und erhält hier Gefühlsäußerungen und sehr viel Applaus vom Publikums zurück. Michelle Obama geht als Storytellerin eine emotionale Beziehung mit ihren Zuhörern ein.

Themenauswahl:

  • Auch inhaltlich spricht sie ihre Zuhörer, die amerikanischen Bürger, an. Michelle Obama redet nicht über Politische Maßnahmen, sie geht auf gesellschaftliche Strukturen an. Auch hierbei ist sie biografisch, startet mit ihrer eigenen Geschichte, ihrer Herkunft, ihrem Verhältnis zu ihren Töchtern.

Unausgesprochene Botschaften:

  • Und ein weiteres Können zeigt und Michelle Obama: Sie überzeugt, ohne (direkt) zu beleidigen. Sie schafft es in ihren Reden den Namen des politischen Gegners nie zu erwähnen.

Fazit:

Nicht jeder ist einen Michelle Obama, Setzen Sie aber die Punkte wie Authentizität und Emotionen um, verraten persönliche Beweggründe und Visionen, dann können auch Sie Ihr Publikum begeistern.

Links zu Michelle Obamas Reden: 
Transcript: Read Michelle Obama’s full speech from the 2016 DNC 

The full transcript of Michelle Obama’s powerful New Hampshire speech